andreas lutz körpertherapie

Vinyasa – Ujjay – Bhanda – Drishti

VINYASA – WIE PERLEN AUF EINER GIRLANDE

Verschmelzen Atmung und Bewegung miteinander, dann entsteht Vinyasa. Asanas werden zu Perlen auf einer Schnur, Gedanken zu Regentropfen im Ozean, das Üben zu einer energetischen Spur im Äther, der Atem zu einem Rauschen des Meeres…

Vinyasa (Bewegung) verbindet die einzelnen Positionen (Asana) wie Perlen auf einer Girlande. Der Ujjayi Atem läuft gleichmäßig wie die Schnur im Zentrum der Girlande durch Bewegungen (Vinyasa) und Positionen (Asana). Diese Folge aus Atem und Bewegung des Ashtanga Yoga wird, so sagt es die Tradition, schon seit tausenden von Jahren so geübt. Jedes Vinyasa wird entweder von einer Ein- oder einer Ausatmung getragen. Oft sind noch zusätzliche Atemzüge mit dem Vinyasa verbunden. Es wird eine Weile benötigen bis Du das System verstanden hat, doch dann kannst Du mühelos an der Girlande entlang gleiten.

Es ist wie das Beten eines Rosenkranzes mit dem Körper. Deine Gedanken lösen sich im Bewegungsfluss auf, wie Regentropfen, die auf Ganga (= Ganges) fallen und von ihr zum Ozean getragen werden. Es entsteht Meditation in Bewegung;  Atem – Vinyasa – Ujjayi – Bewegung – Atem … – kein Denken. „yogah chitta vritti nirodhah (योगः चित्त वृत्ति निरोधः  (= Yoga ist das Verebben der Gedanken-Wellen)“ Yoga Sutra 1.2.

Alles was wir tun, hat eine Wirkung. Es hinterlässt einen Fußabdruck, eine energetische Spur im Äther. Wenn ich mich morgens auf meine Matte stelle, kann ich dieses gigantische Energiefeld spüren. Yogis üben seit tausenden von Jahren diesen Bewegungsfluss. Die Praxis ist schon da, sie wartet auf mich, holt mich jeden Morgen aufs Neue ab. Ich stehe auf meiner Matte, wie an einer Bushaltestelle. Ich warte auf die Praxis. Ihr Energiefeld ist stark, stark genug, um mich von Vinyasa zu Vinyasa, zu tragen.

„Warum ist zwischen jeder Asana (statische Position) ein Vinyasa?“. Diese Frage beruht auf einem Irrtum: Das Vinyasa ist nicht zwischen den Asanas, sondern das Asana ist zwischen den Vinyasas. Die Positionen sind Pausen im Fluss der Bewegung.

Wenn Du versuchst, Glas zu biegen während es kalt ist, wird es brechen. Erst durch Hitze kann es beliebige Form annehmen. Dein Körper verhält sich genauso. Versuchst Du ohne die nötige Hitze die Asana auszuführen, kannst Du Dich verletzen. Deine Vinyasa-Praxis erzeugt dieses innere Feuer.

Ujjay – der rauschende, siegreiche Atem

Man sagt, dass Yogis mit Ujjayi-Atmung Schnee zu schmelzen vermögen. Hitze mag Deine erste Erfahrung mit dieser Technik sein. Mit zunehmender Praxis wird die Energie subtiler. Es entsteht eine ruhige gleichmäßige Kraft tief in Dir. So kannst Du schier unmögliche physische Anstrengung mit Leichtigkeit meistern.

Oberflächlich betrachtet heben Muskeln den Yogi in die Luft. Doch die Atmung gibt den Muskeln erst das Prana (Energie) dafür. Prana ist die Grundlage von allem. Es kann mit Bewusstsein in jeden beliebigen Teil des Körpers geleitet werden, um diesen zu heilen und zu kräftigen. So ist der Atem für den Yogi der Schlüssel zu Gesundheit, Kraft und Vitalität. Wo kein Atem, da ist auch kein Leben.

Ujjayi Pranayama wird oft auch „Siegreicher Atem“ genannt. Er gibt die Kraft, jede Asana zu meistern. Das aufgenommene Prana (Energie) kann auch direkt den Körper bewegen. So wird es möglich, dass auch schmächtige Yogis in ihren Bewegungen die Schwerkraft außer Kraft setzen und schier schwerelos durch die Bewegungen gleiten.

So wie die Wellen den Strand formen, so formt die Atmung die Ashtanga Yoga Praxis. Deine innere Meeresbrandung setzt ihren Rhythmus. Das Rauschen der Atmung wird zum Rauschen eines inneren Ozeans. Gleichmäßig spülen Wellen der Einatmung an eine innere Küste und ziehen sich mit der Ausatmung zurück. Erlebe die Qualität Deiner inneren Küste. Ist es ein flacher Sandstrand, an dessen sanfter Fläche sich die Wellen leise bis in die Unendlichkeit verlieren? Ragen schroffe Klippen aus der Brandung und die Wellen brechen mit lautem Getöse an kahlem Fels? Finde eine Küste, die zu Dir und Deiner Praxis heute passt. – Nicht zu steil, nicht zu flach.

Wie ein Surfer die Wellen eines äußeren Ozeans reitet, so trägt Deine innere Brandung Dich mühelos von Position zu Position. Jede Bewegung richtet sich an der Atmung aus.

Per Bhanda die Energie lenken

Zwei Pole einer Batterie zwischen denen die Energie fließt – so wird der Atem über Bandha durch den Körper geleitet. Wider die Schwerkraft und für mehr Leichtigkeit.

Bandha leitet Energie. Es handelt sich also um eine sehr subtile Technik. Physische Aktion und Muskelkontraktion ist daher nur ein kleiner Teil von Bandha. Mula Bandha und Uddiyana Bandha sind die beiden wichtigsten Ventile im Ashtanga Yoga.

Mula Bandha wird durch eine Kontraktion der Beckenbodenmuskulatur eingeleitet. Stell Dir einfach vor, Du musst dringend auf die Toilette, es ist aber keine weit und breit, schon bist Du ziemlich nahe an Mula-Bandha. Keigel empfiehlt zur Kräftigung einer schwachen Beckenbodenmuskulatur, diese durch das Anhalten des Harnstrahls beim Urinieren zu trainieren. Kombinierst Du die vordere und die hintere Kontraktion und konzentriert sie zu einer sanftern mittleren Kontraktion, bist Du noch einen Schritt näher an Mula-Bandha. Setze dieses Mula Bandha am Ende der Einatmung, wenn die Ausatmung beginnt. Ziehe den Beckenboden nach innen und oben.

Uddiyana Bandha erreichst Du, indem Du den Bauch leicht nach innen ziehst. Stell Dir am Ende der Ausatmung, wenn der Impuls der Einatmung beginnt einzusetzen, vor, wie ein goldener Faden zwei fingerbreit unterhalb des Bauchnabels nach innen und oben zieht. Anatomisch gesehen wird die schräge und quere Bauchmuskulatur leicht tonisiert.

Mula Bandha ist mit der Ausatmung verbunden, Uddiyana Bandha mit der Einatmung. Beide Bandhas bleiben während der gesamten Praxis fortwährend aktiviert. Am Anfang ist dies sehr schwer und Du wirst immer wieder feststellen, dass Du Bandha vergessen hast. Sehe das als einen Erfolg, denn Du hast Dich erinnert. Mit Praxis wirst Du Dich immer öfter an Bandha erinnern, bis es zum konstanten Begleiter Deiner Praxis wird.

Drishti – der gerichtete blick

Drishti ist ein Blickpunkt oder Fokus. Es gibt 9 Drishtis. Jeder Asana ist ein bestimmter Drishti zugeordnet. Dieses „auf einen Punkt schauen oder ausgerichtet sein“ während des Übens dient mehr der Innenschau und hat weniger mit der physischen Sicht zu tun. Der Drishti fördert mentale Stille. Personen die geistig überaktiv sind, haben sehr schnelle unkontrollierte Augenbewegungen. Wenn der Blick ganz ruhig auf einen Punkt gerichtet ist und dort fixiert bleibt, wirkt das beruhigend und zentrierend auf den Geist.